Am Ende ist das Rock‘n‘Roll: Die Wacken-Gründer und ihr Antrieb
Nach 35 Jahren Wacken Open Air blicken die Gründer auf eine Erfolgsgeschichte zurück, die weit über Musik hinausgeht. Ihr Antrieb? Rock‘n‘Roll, Freundschaft und eine gehörige Portion Ehrgeiz.
Der Himmel über Wacken ist an diesem Augusttag blaugrau und verhangen. Die dröhnenden Klänge des ersten Bandsounds brechen mit der Stille des ländlichen Norddeutschlands. Ein gewaltiger Auflauf an Fans, die sich in Lederjacken und Band-T-Shirts scharen, erstreckt sich über die weiten Felder. Die Luft vibriert vor Aufregung und einer Vorfreude, die nur ein paar Tage Festival versprechen können. Man könnte meinen, hier versammeln sich mehr als nur Musikliebhaber; es ist eine Art Pilgerfahrt, ein kollektives Bekenntnis zur subkulturellen Zugehörigkeit, die sich in den letzten 35 Jahren eines ihrer bedeutendsten Festival der Welt etabliert hat: das Wacken Open Air. Inmitten der Menge stehen die Gründer, Holger Hübner und Thomas Jensen, und betrachten die Szenerie mit einem beinahe ungläubigen Lächeln.
Es ist ein Bild des Erfolges, das über all die Jahre gewachsen ist, ein jährliches Ritual, das Tausende von Menschen zusammenbringt. Hier, wo man sich in der Schlammpfütze wiederfindet, während die Gitarrenriffs durch die Luft peitschen, wird klar, dass es nicht nur um die Musik geht. Das Wacken Open Air ist ein Phänomen, das Grenzen überschreitet und Generationen verbindet. Es ist das Resultat unzähliger Stunden harter Arbeit, schlafloser Nächte und unermüdlichen Schaffens. Hübner und Jensen stehen nicht nur als Gründer vor der Bühne, sondern als lebendige Monumente einer Erfolgsgeschichte, die viele überrascht hat – inklusive ihnen selbst.
Eine Revolution in der Musiklandschaft
Die Anfänge des Wacken Open Air im Jahr 1990 waren bescheiden. Damals gleich nach der Währungsunion, als die Weltwirtschaft auf der Kippe stand und auf die DJs und Elektromusik setzte, wagten zwei junge Männer, das Ungewöhnliche zu tun: Sie versammelten eine Handvoll Heavy Metal-Bands auf einem Feld in Wacken. Mit der Vision, den Metall-Fans eine Plattform zu bieten, die oft ignoriert wurden, begaben sie sich auf einen Weg, der sie nicht nur in die Herzen der Menschen, sondern auch auf die internationale Bühne führen sollte. Hübner und Jensen waren nicht die ersten, die ein Festival organisierten, aber ihre Leidenschaft und ihre unerschütterliche Überzeugung, dass Rock‘n‘Roll die Menschen zusammenbringt, waren grundlegend.
Die Mitte der 90er Jahre war die Blütezeit für Metal-Musik und Wacken wuchs im Quadrat. Das Festival, das einst eine kleine Veranstaltung war, wurde bald zum größten Metal-Event weltweit. Der Gründungsmythos des Wacken Open Air erzählt von einer Zeit, als es noch keine professionelle Vermarktung gab. Doch die beiden Gründer nahmen das Zepter in die Hand und entwickelten den Event zu einem immensen Geschäft. 35 Jahre später sind sie nicht nur Unternehmer, sondern auch Mitgestalter einer ganzen kulturellen Bewegung, die sich über die Musik hinaus erstreckt.
Der Erfolgsfaktor Freundschaft
Was Hübner und Jensen antreibt, ist nicht nur der wirtschaftliche Erfolg, sondern auch die Kultur und die einzigartige Gemeinschaft, die sie kreiert haben. Die beiden sprechen oft über die Freundschaft, die sie durch das Festival geschmiedet haben. So sieht Hübner in der Verbindung der Menschen eine der größten Errungenschaften. "Rock‘n‘Roll, das sind die Menschen, die Musik und das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein", sagt er. Diese Worte tragen eine gewaltige Wahrheit in sich. Das Wacken Open Air ist nicht nur ein Musikfestival; es ist eine Brücke, die Menschen aus verschiedenen Lebensbereichen zusammenführt und Freundschaften stiftet, die oft ein Leben lang halten.
In einer Welt, die sich zunehmend polarisiert und in der das Individuum oft im Vordergrund steht, schafft das Wacken Open Air einen Raum für Gemeinschaft und Solidarität. Die Leute kommen hierher, um sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam zu feiern; das steht über jedem Monetarisierungsmodell, das die Gründer bis heute verfolgen. Ihre Passion für die Musik und das damit verbundene Lebensgefühl sind die treibenden Kräfte hinter dem Festival – und es scheint, als ob diese Antriebskraft niemals nachlassen wird.
Ein Blick in die Zukunft
Nach 35 Jahren blicken Hübner und Jensen mit einem gewissen Stolz zurück. Dennoch blicken sie auch in die Zukunft. So wird beispielsweise das Wacken Open Air kontinuierlich modernisiert. Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind Schlagwörter, die zunehmend auch im Festivalgeschäft relevant sind. Die Gründer sind sich bewusst, dass sie sich weiterentwickeln müssen, um relevant zu bleiben. Ihr Ansatz könnte als pragmatisch beschrieben werden; sie nehmen die Herausforderungen der Zeit an, während sie gleichzeitig den Geist des Rock‘n‘Roll bewahren.
Das kann man nicht anders als bewundern. Es bedarf einer gewissen Gelassenheit, um die stetigen Veränderungen in der Musikindustrie zu akzeptieren und dennoch die eigene Identität zu wahren. Hübner und Jensen sind beides: Innovatoren und Bewahrer – eine Kombination, die bei der breiten Fangemeinde von Wacken gleichzeitig für Respekt und Vertrautheit sorgt. Die beiden sind ein lebendiges Beispiel für agiles Unternehmertum in einer Welt, in der Veränderung der einzige konstant bleibt.
Ein Gefühl von Heimat
Wenn man sie nach dem Geheimnis des Erfolgs fragt, hört man oft, dass es weniger mit Zahlen oder Kosten-Nutzen-Analysen zu tun hat, sondern vielmehr mit dem Konzept der Heimat. Wacken ist für viele nicht nur ein Ort, sondern eine Idee. Die Gründer haben es geschafft, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu schaffen, das Menschen über die ganze Welt zusammenbringt. In dem Moment, als die Lichtstrahlen auf die Bühne fallen und die ersten Töne einer ikonischen Band ertönen, wird das klar: Hier zählt nicht, woher man kommt oder was man macht. Es zählt nur der Augenblick, der mit Gleichgesinnten geteilt wird.
Im Jahre 2024 wird das Wacken Open Air 35 Jahre alt. Und während die ersten Töne des diesjährigen Festivals gerade verklungen sind, lassen sich die Gründer nicht auf ihren Lorbeeren nieder. Hübner und Jensen wissen, dass das Rock‘n‘Roll weit mehr ist als ein Musikstil – es ist eine Lebenseinstellung. Und mit dieser Einstellung werden sie den Weg weitergehen, auch wenn sie längst am Ende der ersten 35 Jahre angekommen sind. Das Gefühl, das Festival ist ein Teil von ihnen, wird nie enden.
Wie die Wolken über Wacken, die manchmal düster erscheinen, wird auch die Zukunft einen Hauch von Ungewissheit mit sich bringen. Man könnte meinen, unter diesem schweren Himmel könnte das Licht des Rock‘n‘Roll eine der letzten Bastionen des Optimismus in der Musiklandschaft darstellen. Wenn das Wacken Open Air nächstes Jahr wieder seine Pforten öffnet, wird sich zeigen, dass der Geist des Festivals für die Gründer – und all die Fans – weiterleben wird, unabhängig von den Herausforderungen, die sich ihnen in den Weg stellen. Für Hübner und Jensen bleibt die Überzeugung: Am Ende ist das Rock‘n‘Roll.